Wie es dazu kommen konnte und wie es anders wird
Dieser Text ist zuerst erschien in der sozialistischen Zeitung am 30.4
Bald ist wieder der 1. Mai, der seit 136 Jahren einer der wichtigen linken Kalendertage ist. Traditionell begehen wir dies mit einer Demo. Wir von „Demos neu denken” fragen uns seit einiger Zeitwelche strategischen Aufgaben Demonstrationen in der heutigen Zeit haben und welche Formen wir entwickeln können, um diesen Aufgaben wirklich gerecht zu werden.
Die ersten Demos entstanden ab der Märzrevolution 1848, in der Militärparaden und Karnevalsumzüge politisch umgedeutet wurden, wodurch der Demozug entstand, der heute noch charakteristisch für viele Demonstrationen ist.
Soll besser verstanden worin die Stärke der Demos früher, aber die Schwäche der Demos heute liegt, muss etwas tiefer die Demo im historischen Kontext untersucht werden. Was hat damals die Stärke dieser Demos ausgemacht? Und was brauchen wir heute?
Früher waren Demonstrant*innen organisiert, heute müssen sie organisiert werden
Im 19. Jahrhundert gab es noch keine digitalen Kommunikationskanäle. Das hieß jedoch nicht, dass weniger Menschen zu den Demonstrationen kamen oder dass diese nicht spontan waren. Ein Beispiel ist ein französischer Hutmacher, der sich an den Holzarbeiterstreiks von 1891 bis 1892 beteiligte. „Am Abend des 27.Septembers, eines Sonntags, entwerfen, die „Rädeslführer“ einen Aktionsplan für den kommenden Tag. „Nachts wurden Deligierte in verschiedene Richtungen geschickt, um die Holzfäller der umliegenden Ortschaften […] zu einer großen Versammlung zusammenzurufen, die bei Tagesanbruch mitten im Wald stattfinden sollte. Gegen ein Uhr setzen sich die verschiedenen Kolonnen, die sich vor den Rathäusern der betroffenen Gemeinden formiert hatten, in Bewegung. Fünf Stunden später sind Hunderte Arbeitern an dem abends zuvor vereinbarten Treffpunkt versammelt.“ (Pigenet 1991, S. 40)
Nur durch die bestehenden sozialen Netzwerke konnte die Information im Schneeballverfahren so schnell von einer Arbeiter*innenfamilie zur nächsten verteilt werden. Das hatte zur Folge, dass sich alle bei den Demos als Bekannte, Arbeitskolleg*innen und Nachbar*innen begegneten.
Anders als heute. Zwar vermitteln hohe Klickzahlen von Demoaufrufen eine große Reichweite, doch die Demoteilnehmer:innen kennen sich meist nicht.
Was sich auf einer Demo nicht ändert: Wer allein zu einer Demo geht, kommt nur schwer mit anderen ins Gespräch. Das ist problematisch, denn aus Organizingerfahrungen wissen wir: Nichts kann das direkte Gespräch ersetzen. Erst dort entstehen Verbindlichkeit und Selbstverpflichtung. Wo es keine lokalen Netzwerke gibt, ist es deshalb umso wichtiger, dass Demos zu Orten werden, an denen diese Netzwerke entstehen können. Demos müssen zu Orten des Kennenlernens werden. Allein zur Demo hin – mit neuen Bekannten wieder heim.
Früher zeigten Demos Disziplin und Stärke, heute sollten sie lebendige Diskussion sein
Früher gab es nicht die Situation, dass man einem Demozug im 19. Jahrhundert begegnete und sich als Erstes fragte, wer hier gerade auf die Straße geht. Da „Demo” gleichbedeutend mit „Arbeiter*innen” war, sahen sie anders aus. „Die Demonstrationen demonstrierten eher die zahlenmäßige Stärke und die Disziplin der Arbeitermassen als dass sie der Proklamation bestimmter Forderungen dienten“ (Robert 1991, S. 55). Die Disziplin erweckte den Eindruck, dass hier eine schlagkräftige, geeinte Klasse auf die Straße geht.
„Marschieren“ und die Demonstration von Stärke und Disziplin als Demotaktik machen heute nur noch in wenigen Situationen strategisch Sinn, etwa als Teil einer Aktion zivilen Ungehorsams. Von einer Stadtdemonstration, die eher einem Spaziergang mit gelegentlichen Rufen gleicht, geht schon lange nicht mehr die Wirkung einer geeinten Klasse aus. Stattdessen verhindert das Spazieren meist den Austausch und die Organisation über die Mobilisierung hinaus. Wenn der Protest nicht mehr zu seinem Kontext passt, verliert er seine Wirkung. Uns scheint es sinnvoll, deswegen Demonstrationen heute vor allem als Orte der Bewegungsöffentlichkeit und des Bewegungsaustauschs zu betrachten. Sie sollen wirklich zeigen: „this is how democracy looks like“.
Früher erzeugten Demos Revolutionsangst, heute stärken sie Bewegungen
Die Versammlungen der Arbeiter*innen erzeugten im 19. Jahrhundert Revolutionsangst bei den Herrschenden. Sowohl die Arbeiter*innen als auch die Herrschenden glaubten, dass aus den Demonstrationen eine Revolution entstehen könnte. Diese Revolutionsangst war der wirksamste Hebel. Heute hat niemand mehr Angst, dass nach einer Demonstration noch etwas passiert. Wir glauben, dass wir Demos deswegen für „uns“ organisieren sollten. Demos sollten nicht appellieren – an niemanden. Appelle sind das Eingeständnis, selbst über keine Mittel zu verfügen. Solange Demos keine Angst oder Druck erzeugen, sollten wir sie zu einem Ort für uns als Bewegung machen. Egal, ob es sich um den 1. Mai oder um einem spontanen Protestmoment handelt. Wir können Demos zuOrten, der Vernetzung und Organisierung machen. Orte konkreter Kollektivität, an denen wir einander kennenlernen und verstehen, dass wir den gleichen Kampf führen. Wenn Demos uns stärker machen, machen sie auch den Mächtigen wieder Angst.
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