Es ist ein kühler Novemberabend, der Weißekreuzplatz, auf dem wir stehen, ist nur spärlich von der umliegenden Straßenbeleuchtung erhellt und die ersten Tropfen nieselnden Regens sind zu spüren. Und dennoch scharen sich noch mehrere Hundert Menschen vor der Bühne der Abschlusskundgebung der „Global Strike“ Demo. Nach zwei Reden, trete ich als letztes Bühnenprogramm des Abends ans Mikro, nur das diesmal eigentlich nicht ich diejenige bin die gleich reden soll. Ich bin nur dazu da um die Menschen anzustiften; sie anzustiften miteinander zu reden.
Von der Bühne aus bitte ich die Teilnehmenden Kleingruppen zu bilden, sich Menschen zu suchen, die sie vielleicht noch nicht kennen und gebe Fragen in die Menge. Immer eine Frage und dann einige Minuten Zeit um sich auszutauschen. „Wie viel Zeit soll man geben?“, wundere ich mich, „Genug um ins Gespräch hinein zu kommen. Aber den ersten frieren doch bestimmt schon die Zehen an und sie wollen ins Warme.“ Während der Regen zunehmend meine Zettel durchweicht, bleibt entgegen meiner Befürchtungen, dass alle schon nachhause gehen, der Platz vor der Bühne gut gefüllt.
In der Zwischenzeit haben ein paar Freund*innen im nahe gelegenen Kulturzentrum Pavillon bereits die Punsch- und Wasserkocher angeschmissen und ich darf noch alle zum Weiterreden zu einem warmen Getränk nach drinnen einladen.
Als ich den Pavillon betrete, habe ich noch unsere Einschätzungen von der Planung im Ohr: „So viele Leute werden nicht kommen“, „Platz für vierzig Leute, das reicht locker“. Naja, da lagen wir wohl erfreulicherweise falsch. Die Sitzplätze sind schon voll, aber es ist gemütlich und am Buffettisch steht es sich auch ganz gut. Wir haben ein paar Gesprächsfragen auf den Tischen verteilt, einige werfen einen Blick darauf, andere bringen noch ihr Gespräch von draußen mit rein.
Wir haben im Laufe des Abends von mehreren Menschen richtig schönes Feedback bekommen. Ein Mensch kam noch beim Abbau der Abschlusskundgebung auf uns zu, einfach um uns zu sagen, dass er die Kleingruppen toll fand.
Menschen haben Bock auf Austausch, man muss sie nur ein bisschen anstupsen!
Im Nachhinein hatte ich dann auch noch Zeit, mich bei meinen Mitstreiter*innen umzuhören, wie
sie es erlebt haben, auf einer Demo mal mit anderen Menschen als sonst ins Gespräch zu kommen und möchte auch daraus noch eine Geschichte hier teilen:
„Suchend schaute ich mich um und fand ein paar ebenfalls suchende, ein bisschen scheue Blicke. Ein kleines drehendes Zeichen mit dem Zeigefinger, ein paar vorsichtige Schritte und wir standen in einem Kreis zusammen. Wir waren eine bunte Truppe die sich da versammelt hatte. Eine Person die das erste Mal auf einem Klimastreik war, zwei von Archistects for Future, eine Schülerin und ich.
Noch nicht ganz fertig mit der Vorstellungsrunde, kam die erste Frage, was uns zu Klimagerechtigkeit gerade beschäftigt.
Eine kleine Stille und dann füllten Beton-freies Bauen, der fehlende Bus zur Schule, die Abholzung des Regenwaldes und Strategien in einer zurückgehenden Klimagerechtigkeitsbewegung reihum den Raum unser kleinen Gruppe. Es war eine kleine Welt die da gerade zusammen kam, zusammen gehalten dadurch, dass wir es irgendwie zusammen auf dieselbe Demo geschafft hatten. Wir hatten sehr unterschiedliche Vorstellungen, wie Wandel in die Welt kommt und was es gerade braucht und wie unsere eigene Haltung und Rolle in dieser ganzen Gemengelage ist. War das schlimm? Nein, es war sogar außerordentlich interessant und lebendig.
Mit dem Rübergehen zum Pavillon zerfiel die Gruppe in einzelne lebhafte Gespräche und Diskussionen entstanden. Mein Gespräch mit einer Person von Architects entwickelte sich zu einem hervorragenden Streitgespräch, warum es nicht ausreicht nur auf dem Konsum zu achten und dass Kipppunkte kein Grund sind, nicht aktiv zu sein. Es war ein Gespräch wie 2018 – nur das ich seitdem einen echt anderen politischen Weg über Lützerath, Fragen des politischen Lebens, und Verbundenheit von unterschiedlichen Kämpfen gegangen bin. Wahrscheinlich ist diese Kluft Teil des Problems: die Klimagerechtigkeitsbewegung hat sich sehr unterschiedlich entwickelt und irgendwie haben die Räume gefehlt um sich auszutauschen, trotz der regelmäßigen Klimastreiks. So lag etwas Lebendiges im Austausch und wir redeten in unterschiedlicher Konstellationen anderthalb Stunden noch im Pavillon weiter. Es ging über Filme, Politiker*innen und politische Haltung im Zeiten der Faschisierung.
Am Ende bin ich mit einem guten und nachdenklichen Gefühl gegangen. Die üblichen Demoreden und das über die Straße laufen symbolisieren eine Gemeinsamkeit, letztendlich bleibt aber jedes für sich und die Menschen gehen so nach Hause, wie sie gekommen sind. Der Austausch hat die Brüche dieser Gemeinsamkeit aufgezeigt, aber damit auch einen Moment der wechselseitigen Begegung geschaffen, was mir auf jeden Fall sehr viel mehr gegeben hat, als der Teil zuvor.“
Flyer verteilen und Folgeveranstaltungen bewerben
Die Kleingruppengespräche und der Austauschraum im Warmen waren die Erfolgreichsten aber nicht die einzigen Versuche, bei dieser Demo Menschen zu aktivieren. Denn was wäre, wenn man die Menschen über die Demo hinaus aktivieren könnte. Nicht gleich zu einem Plenum, das ist viel zu hochschwellig, erstmal ein Workshop oder eine Küfa (Küche für alle), je nach Geschmack. Wir haben also Räume organisiert, noch ein paar Flyer gedruckt und während die Demo startete, waren wir eifrig dabei, Flyer zu verteilen. Fast hundert Flyer haben wir Menschen auf der Demo in die Hand gedrückt und ich hatte dabei auch ein paar schöne Gespräche mit Menschen, die ich sonst wahrscheinlich nicht angesprochen hätte. Soweit so gut.
Die Ernüchterung kam dann am Tag des Workshops, es war eine ganze Person gekommen…
Entsprechend gedämpft waren unsere Erwartungen dann für die Küfa am nächsten Tag. Bei der wir dann immerhin zwei ganze Gäste begrüßen durften…
Lessons learned: Wenn man etwas von den Menschen will muss man sie direkt auf oder zumindest direkt nach der Demo erreichen, sie zu einem weiteren Termin wiederzubekommen wird deutlich schwieriger und braucht scheinbar mehr Aufwand als ein paar Flyer.
Wie geht es weiter
Im April ist wieder Aktionstag und damit auch der nicht in einem langweiligen alle gehen wieder so wie sie gekommen sind endet, sind wir grade dabei zu planen, wie wir das Konzept von einem kleinen Get-together nach der Demo ausweiten können um noch mehr zusammen zu machen. Es gibt auf jeden Fall wieder ein Update was alles (nicht) geklappt hat.

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