Es gibt Tage, die sind besonders, das sind unsere Tage. Tage, von denen wir schon das ganze Jahr wissen – der 8. März ist einer davon. Seit Jahrzehnten ist es ein Zusammenkommen als feministische Bewegung und ist zu einem festen Ritual geworden, genau wie die anderen linken Tage, vom 1. Mai über den 19. Februar bis zum Klimastreik. Und wie begehen wir dieses Ritual? Mit einer Demo.
Jedes Jahr, jedes Mal aufs Neue organisieren wir eine Demo, die erstaunlich ähnlich abläuft. Es gibt einen Anfangstreffpunkt und ein großer Pulk an Menschen bildet sich langsam auf einem Platz. Irgendwo steht eine Bühne, auf der Personen emotionale Reden sprechen, die schon nach den ersten paar Reihen verhallen. Die meisten Menschen quatschen mit denen, mit denen sie hergekommen sind, und stehen verstreut in kleinen Grüppchen herum. Ab und zu wird noch ein Plakat mit einem ernsten bis lustigen Spruch hochgehalten. Irgendwann zieht der Pulk los und läuft durch die Stadt. Es werden ein paar Shouts gerufen, wovon nur die Hälfte mitmacht, und am Ende gibt es nochmal ein bis zwei Reden und dann verstreut sich die Menge und alle gehen wieder nach Hause.
So ungefähr sehen tausende Demos jedes Jahr aus – Ist das Konzept wirklich so gut, dass wir noch nicht mal versuchen sollten, daran irgendetwas zu ändern? Und für wen machen wir das eigentlich?
Also wenn wir das Ganze machen wollen würden, um in die Öffentlichkeit hineinzuwirken, dann würde es nicht als so erfolgreich gelten. Kaum ein Mensch interessiert sich groß für eine Demo – geschweige denn für eine Ritualdemo, die jedes Jahr stattfindet. Es gibt kurz einen Kameraschwenk, einen Mini-Ausschnitt von einer Riesen-Bürgidemo, wo irgendeine Politikprominenz irgendetwas gesagt hat, und das war es dann. Das würde wohl kaum den ganzen Aufwand in jeder Stadt rechtfertigen, in jedem Ort eine 8.-März-Demo zu organisieren.
Für uns ist die Vision, wie ein atmender Organismus zu werden, der sich ausdehnt und wieder zusammenzieht
Wir als Demos neu Denken Gruppe, glauben, dass wir Demos und gerade Ritualdemos wie der 8. März für uns als feministische Bewegung organisieren. Wir organisieren diese Demos, weil sie ein wertvoller Raum sind mit einer spezifischen Funktion in unserer Bewegungsökologie. Aber wenn das stimmt, wenn wir wirklich die Demos nur für uns als Bewegung organisieren, warum sind sie dann oft so langweilig, so leer und vor allem mit Pflichtgefühl verbunden? Warum stellen wir uns dann eigentlich so selten die Frage, wofür wir Demos eigentlich brauchen und wollen?
Die Rolle von einem zentralen Ort in unserer feministischen Bewegungsökologie
Wir als feministische Bewegung sind sehr dezentral, sehr lokal und sehr oft über soziale Beziehungen verbunden. Wir bringen unsere Themen oft in anderen Gruppen ein, führen unsere feministischen Kämpfe z.B. in einer Klimagerechtigkeits- oder Antifagruppe, wo wir dann Antipatrunden einfordern oder um Verantwortungsübernahme bei irgendeiner patriarchalen Kackscheiße ringen. Wir kämpfen in unseren Freund*innenschaften, wo wir die einzelnen toxischen Verhaltensmuster von irgendeinem Cis-Dude durchanalysieren, oder beim gegenseitigen Empowern sich von unseren binären Geschlechtsanforderungen zu emanzipieren.
Diese starke Dezentralität ist unsere Stärke und gleichzeitig geht sie auch mit Schwierigkeiten einher. Kollektive Lern- und Aushandlungsprozesse, Strategiefragen oder die Überwindung von Widersprüchen, zum Beispiel im Umgang mit sexualisierter Gewalt in der Linken, werden dadurch herausfordernder. Wie ist es möglich, diese Herausforderung anzugehen, ohne die große Stärke von Dezentralität zu opfern?
Für uns ist die Vision, wie ein atmender Organismus zu werden, der sich ausdehnt und wieder zusammenzieht, der an bestimmten Momenten zusammenkommt zum Austauschen und dann wieder sich in die unterschiedlichen Kontexte verteilt, ohne sich zu zerstreuen. Wir glauben, dass das die zentrale Aufgabe vom 8. März ist: Orte des lebendigen Zusammenkommens zu schaffen, wo wir zentrale Fragen in unserer Praxis diskutieren können und dann mit neuen Impulsen und Perspektiven empowert in unsere Kontexte zurückkommen können.
In Zukunft hat eins nach einer Demo mindestens vier neue Menschen kennengelernt.
Wir könnten die Take-back-the-Night-Demos als kollektiven Moment der Wut und der Raumzurücknahme gestalten und den 8. März als Ort des Zusammenkommens für Bewegungsaufbau, an dem unsere Fragen und die Erfahrungen im Mittelpunkt stehen.
Eine Vision von einer neuen Demo
Wie könnte das konkret aussehen?
8.März, 16 Uhr. Die neue Demo findet in einem Park statt. Feministische Kämpfe finden überall dort statt, wo wir sind – selten im Rathaus und viel öfter im Park, auf dem Spielplatz, in der Mall, auf dem Marktplatz. Warum sollten nicht auch unsere Demos genau an diesen Orten stattfinden? Für diese neue Demo braucht es vor allem Platz – damit es möglich ist nicht nur miteinander zu stehen, sondern auch in kleinen Kreisen verteilt miteinander ins Gespräch zu kommen.
Das Hauptproblem der neuen Demo ist erstmal den Menschen zu vermitteln, dass es heute anders wird als sonst und dafür braucht es erstmal Aufmerksamkeit: Statt eine irgendwann startende Rede braucht es einen kollektiven Startmoment, der die Menschen auf diese Demo holt. Dies könnte zum Beispiel ein gemeinsames Lied sein wie „Smash, smash, smash all the nations / We are the queer feminist generation”. Durch den wiederholenden Charakter (wie hejo spann den Wagen an) stimmen die Menschen nach und nach ein und ein großer Chor erhebt sich über den Park: Die Demo hat begonnen.
Der Ablauf wird erklärt: Nach zwei „Demoreden“ findet der Hauptteil statt: der Kleingruppenaustausch entlang thematischer Gruppen. Dazwischen wird es zu Auflockerung ein Platz Tausch spiel geben
Auf Demoreden würden wir am liebsten ganz verzichten. Aber einige lassen sich wohl nicht verhindern. Anders als sonst appellieren sie aber diesmal nicht an Politiker*innen und zählen erneut transfeindlichen Personen auf, sondern stellen sich strategische Fragen: Wo stehen wir gerade als feministische Bewegung? Was sind aktuelle Strategien? Vielleicht wechseln sich auch Menschen in einem Gespräch ab und wägen die Möglichkeiten eines kollektiven Repro-Streiks ab. Bisher erfahren wir von Strategien meistens von Freund*innen, über Vorträgen, Podcast, Artikeln oder Büchern – selten aber auf Demos. Das soll sich ändern. Auch Demos können Lernorte von Strategien sein. Genau die Fragen die uns als Bewegung beschäftigen gehören in eine Demorede. Nach der Diskussion gibt es ein paar Minuten Murmelgruppen mit den Menschen links und rechts, da es jetzt auch kontroverse Themen sind ist wichtiger das wir auch uns kollektiv Austauschen darüber miteinander.
Dieser Start soll möglichst kurz sein. Denn das Herzstück bilden Kleingruppen gebildet nach Themen. Dies ist ein heikler Punkt, weil hier aktiv die Rollenerwartung von der klassischen Demo durchbrochen werden müssen und die Menschen aktiv sich anderen Gruppen zuordnen sollen, um mit fremden Menschen ins Gespräch über die Themen der Kleingruppen zu kommen. Um das zu vereinfachen, gibt es einen kurzen Energizer: Alle Menschen mit bunten Socken gehen zu der Statue Rechts, alle anderen gehen auf die andere Seite. Viele Menschen fühlen sich unwohl allein auf einer Demos, weil Demos nicht dazu einladen, miteinander ins Gespräch zu kommen und alleinstehende einzuschließen. Durch diese Spiele sollen die bestehenden Gruppenstrukturen etwas aufgebrochen werden und neue Menschen zu einander gebracht werden.
Als nächstes werden auf dem Platz oder Park unterschiedliche Themengruppen eingeführt. An einer Stelle treffen sich zum Beispiel Menschen, die sich über Patriarchale Beziehungsdynamiken und sexualisierte Gewalt austauschen wollen, in einer anderen geht es um Care in sozialen Beziehungen und in einer Dritten um Tradwifes und antifeministischer Backlash auf Social Media etc. Jede Themengruppe wird moderiert und kurz inhaltlich eingeleitet von einer zu dem Thema arbeitenden politischen Gruppe. So können sich Gruppen auf der Demo einbringen, ohne dass sie um die ansonsten begehrten Redeplätze konkurrieren müssen. Sie kann sich hier selbst und ihre Arbeit vorstellen und dann in die Kleingruppenphase überleiten. In diesen Kleingruppen von 3-7 Menschen können sich einander fremde, aber thematisch miteinander verbundene Menschen austauschen. Die Gespräche sind offen und können unterstützt werden durch kleine Handzettel mit Diskussionsfragen. Wer gehen will, kann gehen oder sich in eine andere Gruppen setzen. Die Gruppe besteht, solange die Beteiligten miteinander reden möchten.
Für die weitere Verbindung können Erfahrungen und Ergebnisse in einer Telegramgruppe gesammelt werden – diese kann über die Demo hinaus als Austauschraum weiter existieren und Möglichkeiten bieten für Projektideen interessierte Menschen zu finden. Die Demo endet, wenn die Gespräche enden.
Ein wesentlicher Vorteil von dieser Art von Demos wäre auch, dass Menschen sich auch stärker dort radikalisieren und organisieren könnten. Es kommen sehr unterschiedliche Menschen zum 8. März, sodass ein gegenseitiges Perspektiven-Näherbringen und Empowern, sich auch mal einer Polit-Gruppe anzuschließen, möglich wäre. Auch könnten dadurch bestehende Gruppen sehr viel mehr die Möglichkeit haben, auf neue Menschen zuzugehen und mit diesen in Verbindung zu treten, als es ein Flyer oder ein Infostand je sein könnten. In Zukunft hat eins nach einer Demo mindestens vier neue Menschen kennengelernt. Egal ob neu in der Stadt oder keine Zeit, Demos können immer besucht werden, um gleichgesinnte Menschen zu treffen.
Demos neu zu denken bedeutet, sich aus dem Gewohnten zu lösen und zu fragen, was der Sinn und das Ziel von unterschiedlichen Elementen von einer Demo sind, und diese Richtung Bewegungsaufbau zu denken. Wenn viele von uns von Demos gelangweilt oder frustriert sind, dann sollten wir überlegen, wie Demos anders gestaltet werden könnten, und das ist ein Zukunftsprojekt. Denn beim ersten Mal kann auch eine klassische Demo noch spannend und empowernd sein – wenn wir jedoch politisch leben wollen, auf wie viele klassische Demos werden wir dann noch dieser Art gehen?
Zu einer detaillierten Version siehe unser Konzept.

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