Dieser Text soll ein Vorschlag für einen Ablauf zu einer Demo sein, die mit dem Ziel vom Austausch und Bewegungsaufbau gestaltet wird. Wir haben als Gruppe selbst diesen Ablauf noch nicht genau so ausprobiert, sondern ihn anhand von unterschiedlichen Erfahrungen und der Zielsetzung entwickelt.
Für eine Analyse von der Funktion von Ritualdemos und mehr erzählten Darstellung unser Grundidee haben wir den Text „8. März – wie können wir dieses Ritual lebendig gestalten?“ geschrieben.
Zu jedem Element haben wir eine Zielsetzung formuliert und versucht, ein paar Beispiele zu geben, welche diese erfüllen könnte. Mit der Zielangabe soll es euch möglich sein, zum einen zu überlegen, welche Idee noch besser passen würde, und zum anderen auch das Element mit seinem Ziel ganz infrage zu stellen.
Wir freuen uns auf ganz viel Experimentieren und Ausprobieren.
Gedanken zum Ort
Am besten bricht der Ort schon mit der klassischen Appelldemo, die zum Beispiel oft vor Rathausplätzen stattfindet. Wir halten es für besser, einen Platz des Alltags auszuwählen. Einmal einen ruhigen Park, einen Spielplatz, das Zentrum eines Kreisverkehrs, Plätze, die eher für den Kiez oder das Stadtviertel stehen, oder einen Marktplatz.
Wichtige Auswahlkriterien:
- Größe: Der Platz sollte groß genug sein, dass sich die einzelnen Themengruppen verteilen können und Kreise bilden können, ohne sich allzu sehr zu stören. Die Größe hängt natürlich auch mit der Anzahl der Menschen zusammen.
- Übersichtlichkeit: Der Platz lässt sich am besten relativ gut überblicken und besitzt ein paar markante Punkte. Das lässt die Orientierung der Themengruppe erleichtern.
- Licht: Entweder die Demo findet am Tag statt oder es ist ein gut beleuchteter Platz. Eine Versammlung macht nicht so viel Spaß und das Zugehen auf Menschen ist im Dunkeln schwieriger.
- Lautstärke: Viele Gespräche werden nicht verstärkt stattfinden, deswegen wäre es gut, wenn der Platz nicht schon von sich aus superlaut ist, weil dort eine Baustelle, eine Riesenstraße, Flugzeuge etc. sind.
Bewegt sich die Demo?
Die Demo wird stationärer sein als die übliche Laufdemo, die demonstrativ die sichtbarsten Straßen der Stadt abläuft. Gleichzeitig gibt es unterschiedliche Gründe, warum Bewegung trotzdem gut sein kann. Generell dürften Start- und Endpunkt ruhig derselbe Ort sein. Mehr dazu unter „Bewegung: Laufen oder Energizer“
Anmeldung
Generell lohnt es sich immer die Frage, ob es eine Anmeldung braucht. Wenn ja sollte sie von der Länge und dem Platz großzügig angemeldet sein.
Konzept zu einer neuen Art von Demo
Vorlesen der Versammlungsanordnung (dafür braucht es noch keine besondere Aufmerksamkeit 😉 )
Gemeinsames Ritual und Startpunkt
Ziel: Es braucht einen klaren Startpunkt, den alle mitbekommen, an dem alle an dem Ort der Demo ankommen, Gespräche einmal unterbrochen werden und eine gewisse Kollektivität entsteht. Die Aufmerksamkeit ist besonders wichtig, weil die neue Struktur von der Demo erstmal überhaupt verständlich gemacht werden muss -> Mehr dazu hier.
Ideen und mögliche Beispiele:
- Die Demo mit einem Lied zu beginnen, das sich so lange wiederholt, bis ein Großteil der Demo mitsingt und die Aufmerksamkeit auf der Demo liegt. Ein Beispiel-Lied wäre bspw. „Smash all the nation “ (mit der Variante: “we are the queer feminist generation”)
- Über einen Zwei- oder Dreiklang könnte ein Startpunkt geschaffen werden. Eine Person macht ein mmmh auf einem Ton vor und fordert die Menschen auf, einzustimmen, bis kollektiv ein Ton gesungen wird. Dann wird ein zweiter und vielleicht auch dritter Ton für einen Teil der Demo angestimmt, während die andere den Ton hält.
- …
Begrüßung und Eröffnung
Ziel: In den Eröffnungsworten liegt die Aufgabe, mit der Erwartung zu brechen, dass es so wird wie immer. Den Ablauf zu erklären und den Grund zu nennen, warum es anders werden soll.
Redebeiträge A, B, C (die man nicht verhindern konnte):
Ziel von den Redebeiträgen ist es, dass sie vor allem den Fokus auf Strategie, Handlungsoptionen und Perspektiven legen. Die Leitfrage ist: Welche Bewegungsdiskussionen und Themen sollen in der breiteren Bewegungsöffentlichkeit einer 8.-März-Demo behandelt werden? Welche Themen sind wirklich relevant für die Menschen, die diese Rede hören?
Das bedeutet, dass die Rede nicht appellieren soll, nicht die Gründe aufzählen soll, warum die Menschen gekommen sind, kein Zitieren von CDU- oder AFD-Menschen und auch nicht automatisch besonders wütend oder aufpeitschend die Rede zu halten.
Ideen und mögliche Beispiele:
Manche Demoreden könnten dialogisch sein und eine Diskussion innerhalb der Gruppe zu einem Thema abbilden (die einen argumentieren beispielsweise für einen Reprostreik, die anderen über Carezentren und Vergesellschaftung etc.) oder die eigene Praxis vom letzten Jahr reflektieren.
Murmelphasen nach der Rede
Ziel ist es, den Austausch miteinander über die Themen zu fördern und die Asymmetrie zwischen Reden und Hören aufzubrechen, indem mensch ein bisschen Raum hat, selbst seine Gedanken zu dem Thema weiterzuverfolgen.
Ideen und mögliche Beispiele:
Nach jeder Rede konnte 3 Minuten mit Menschen in der Nähe gemurmelt werden, um den Austausch zu den Themen zu stärken. Um die Aufmerksamkeit wieder zu gewinnen, könnte folgende Methode gemacht werden: „Wenn ihr mich hört, klatscht einmal, wenn ihr mich hört, klatscht zweimal, wenn ihr mich hört, klatscht dreimal…“ Ähnlich wie ein Miccheck führt es zu einer Unterbrechung der Gespräche, ist aber zusätzlich selbsterklärend und hat ein klares Ende.
Erklären der Kleingruppen und Konzept
Ziel: Wir kämpfen alle an unterschiedlichen Orten. Deswegen lasst uns einmal im Jahr den Moment des Zusammenkommens nutzen und unsere Erfahrungen gemeinsam miteinander austauschen.
- Die Themengruppen ermöglichen es, dass sich gleich die Menschen, die ein Thema besonders betrifft oder interessiert, zusammentun können, was Vernetzung und Selbstorganisation erleichtert.
- Die Menschen sollen am besten mit Menschen ins Gespräch kommen, die sie noch nicht kennen, um damit neue Perspektiven kennenzulernen.
- Thematische Teilung zwischen Take Back the Night und feministischer Kampftag. Beim ersteren steht das Wut-auf-die-Straße-tragen im Vordergrund, beim zweiteren das Zusammenkommen und Austauschen.
Ziel: Nochmal sich zu bewegen und warm zu werden. Ein bisschen die Trägheit der Gruppe zu überwinden und die bestehende Gruppenstruktur aufzubrechen und damit die Bereitschaft zu erhöhen, dass tatsächlich der Ort zu den Themengruppen geändert wird.
Ideen und mögliche Beispiele:
- Einmal um den Block ziehen (wirklich kurz): Dadurch könnte entweder, wenn gewollt, noch einmal kurz und explosiv die Demo laut sein oder die Reflexionsfrage mitgegeben werden, in welcher Themengruppe mensch sich sieht. Mit dem Zurückkommen zum Platz könnte direkt ein Auffächern zu den Themengruppen passieren.
- Auflockern und Spiel: Durch einen Energizer, einem Sortierspiel („Alle mit bunten Socken gehen nach links“), einer kleinen gemeinsamen Choreo, einer großen Laolawelle, gemeinsam Singen etc. könnte die Demolethargie aufgebrochen werden. Mit der anschließenden energetischen und ausgelasseneren Gruppe könnte dann der Platzwechsel einfacher fallen.
- Warnung: Bei Energizer kommt oft als Kritik, dass sie als verpflichtend wahrgenommen werden oder dass sie Ableismus reproduzieren („alle stehen einmal auf…“)
Ziel von den Gruppen ist es, anhand der Themen gezielt tiefer ins Gespräch zu kommen und Menschen zusammenzubringen, die die gleichen Themen bewegen, um Selbstorganisation und Organisierung zu erleichtern.
Es sollten nicht zu viele Themen sein, weil es dann zu unübersichtlich wird und zu lange braucht, um verstanden zu werden oder sich für etwas zu entscheiden. Eine feinere Aufteilung kann auch nochmal in den Themengruppen selbst passieren.
Diese Themen-Gruppen sind Beispiele – ihr wisst am besten, welche Themen am besten für eure Stadt passen.
- Patriarchale Beziehungsdynamiken und sexualisierte Gewalt
- Care in sozialen Beziehungen
- Tradwife und antifeministischer Backlash auf Social Media
- feministische Vergesellschaftung
- antipatriarchale Arbeit in linken Räumen
- Tina only Vernetzungraum
- Homo-, Pan- und Bisexualitätsvernetzungsraum
- …
Ablauf Themengruppen:
Grundidee: Eine Themengruppe sollte sich nochmal in Kleingruppen aufteilen, so dass nicht fünfzig Menschen miteinander diskutieren. Die Gruppengröße kann persönliche Präferenz sein, am besten ist wahrscheinlich zwischen 3-7 Menschen.
Dadurch, dass die meisten Reden wegfallen, könnten lokale Gruppen diese Themengruppe moderieren und damit weiterhin auf der Demo sichtbar sein. In der könnte sie sich thematisch passend vorstellen und sind dadurch auch viel niedrigschwelliger ansprechbar für die Menschen, die sich für die Polit-Gruppe interessieren.
Das Open-Space-Konzept, hat ein paar Grundregeln, welche auch als Inspiration für die Kleingruppen dienen könnten, damit sie so lebendig wie möglich werden. Gerade der Punkt „Bewegungsfreiheit“ könnte nochmal extra betont werden, damit Menschen sich nicht gefangen in ihrer Kleingruppe fühlen. Inwiefern alle Regeln vorgestellt werden oder das dann zu viel Input wird, muss vielleicht geschaut werden:
- Wer auch immer kommt, es sind die richtigen Leute – einer oder 25, ist egal, und jeder ist wichtig und motiviert.
- Was auch immer geschieht, es ist das Einzige, was geschehen konnte – Ungeplantes und Unerwartetes ist oft kreativ und nützlich.
- Es beginnt, wenn die Zeit reif ist – wichtig ist die Energie (nicht die Pünktlichkeit).
- Vorbei ist vorbei – nicht vorbei ist nicht-vorbei – wenn die Energie zu Ende ist, ist die Zeit um.
- Bewegungsfreiheit – als Ausdruck der Freiheit und Selbstverantwortung: Der Teilnehmer bleibt nur so lange in einer Gruppe, wie er es für sinnvoll erachtet, also solange er etwas lernen und/oder beitragen kann. (Regeln stammen von hier)
Möglicher Ablauf einer Themengruppe:
- Anmoderation
- Die Gruppe, die die Themengruppe moderiert, stellt sich (kurz) vor.
- Mögliche Unterthemen oder Fragen werden vorgestellt (nicht zu viele, sonst wird es zu lang).
- Aufteilung in Kleingruppen von 3–7 Menschen
- Handzettel mit Diskussionsfragen und QR-Code für eine mögliche Messenger-Gruppe
Bei sehr kalten Temperaturen könnten die Kleingruppen sich auch über den Platz oder die anliegenden Straßen bewegen.
Ein bisschen der Open Space Regel folgend könntet ihr so lange machen, wie die Menschen Energie besitzen, und es langsam auslaufen lassen. Das hätte den Vorteil, dass auch symbolisch nicht markiert wird, dass die Praxis mit dem Ende der Demo aufhört. Außerdem wird es schwierig, nochmal alle Menschen zusammenzubekommen und dies würde viele Diskussionen unterbrechen. Aber wenn euch ein gemeinsamer Abschluss wichtig ist, könnte man da bestimmt nochmal kreativ werden.
Dies dürfte eins der Hauptprobleme sein, weil es sehr viel Kommunikationsaufwand bedeutet, ein neues Konzept allen Menschen verständlich zu machen. Hier dürfte ausnahmsweise „mehr ist besser“ gelten und es sollte vielleicht auf unterschiedliche Weise gleichzeitig versucht werden, das neue Konzept verstädnlich zu machen.
Ideen:
- Ordner*innen mit Warnwesten, die auf alle neuen Menschen zugehen und Menschen einen Flyer mit Ablauf und QR Code (und Liedtext für den Start) in die Hand drücken und ihnen kurz erklären, dass diese Demo etwas anderes machen will und dass sie am Anfang zuhören oder sich den Flyer durchlesen sollen.
- Ein QR-Code könnte auf Plakaten aufgehängt werden und direkt zu einer Messenger-Gruppe führen, wo dann die Treffpunkte der einzelnen Themengruppen angekündigt werden und Infos zum Ablauf eingetragen werden (könnte auch auf dem Flyer sein). Eine Messengergruppe könnte aber gleichzeitig ein längerfristiges Kommunikationsmedium erstellen, womit weitere Organisierung ermöglicht wird – unklar ob eine große oder von den Themengruppen einzelne Messenger-Gruppen sinnvoller ist.
Gerade bei größeren Themengruppen von 100 oder mehr Menschen wird Lautsein irgendwann an die Grenze kommen.
Ideen:
- Jede Themengruppe könnte ein Megafon haben, wenn das nicht zu laut ist.
- Die Gruppe könnte sich nochmal halbieren und zweimal anmoderiert werden.
- Akkuboxen (JBL und Co.) mit Bluetooth-Mikrofonen.
- Micchecks (Notlösung)
Ziel ist es, eine über die Demo hinausgehende Kommunikationsstruktur zu erschaffen, um eine über die Demo bleibende Austauschmöglichkeit zu schaffen, was gerade wertvoll ist für die Menschen, die nicht so nah an politische Räume angebunden sind.
Dabei könnten thematische Messenger-Gruppen anhand der Themenruppen gebildet werden oder zu einer großen eingeladen werden.
Wenn thematische Messenger-Gruppen gebildet werden könnten Diskussionsergebnisse der einzelnen Kleingruppen geteilt werden, was einerseits interessant ist und andrerseits einen Anreiz gibt, in die Gruppe zu kommen.
Wie müsste diese Messengergruppe gestaltet sein?
Viele von uns sind schon in Gruppen, wo wild irgendwelche Veranstaltungen reingespammt werden oder wo einige wenige Menschen dann wild anfangen zu diskutieren und damit die Gruppe dominieren. Deswegen würden wir folgenden Rahmen für die Messengergruppen vorschlagen:
- Kein Ort für ausgedehnte Off-topic Diskussionen mit dem Ziel einen Konsens zu finden oder andere Menschen zu überzeugen. Dafür muss es andere Räume geben.
- Nur Veranstaltungen, die zu der Themengruppe passen! Also nicht irgendwelche linke Veranstaltungen.
Die Ziele einer solchen Gruppe wären:
- Menschen für Projekte finden
- Erfahrungsaustausch zu dem Thema
- Bekräftigung und Empowerment: In der Messenger-Gruppe kann geteilt werden, wenn ein Mensch einen konkreten Schritt, den sich die Person vorgenommen hat, in Angriff genommen hat.
- Vernetzung und Austausch zu dem Thema
Menschen sind es aus dieser Welt gewöhnt, Arbeitsaufträge zu bekommen und Ideen zu sammeln und dann selbst aber nichts mit diesen zu machen. Daraus entsteht die Frage, wie aus den Gedanken und dem Austausch eigene Aktivität, Verantwortungsübernahme und Commitment entstehen können.
Idee:
- Vorsätze und konkrete Schritte aufschreiben lassen: Was nehme ich für meine feministische Arbeit aus diesem Gespräch mit? Und möchte ich etwas Konkretes aus diesem Gespräch angehen, mit den konkreten Unterfragen: Wann? Wo? Mit wem?
Wir glauben eher nicht, weil es zumindestens auf einem Plakat oder Sharepic schwierig ist zu vermitteln, was es genau wird und das Menschen abschrecken könnten. Am ehesten denken wir geht es in dem Begleittext in Telegramgruppen.
Am wichtigsten finden wir die Informationen für die Zugänglichkeit: Menschen sollen sich darauf einstellen können, das es ein bisschen weniger Bewegung wird als sonst und sich vielleicht ein Campingstuhl mitbringen. Hier könnte eine Packliste helfen (Campingstuhl, Warme Klamotten, Tee, Snacks etc.)
Das ganze Konzept auch als PDF:
Wir freuen uns auf Austausch, Erfahrungsberichte und ganz viel weitere kreative Ideen von euch, wie wir Demos neu gestalten können.

Schreibe einen Kommentar